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Soziologisches Journal

„Die Alten“ und die Corona-Krise

Die aktuelle Corona-Krise hat auch aus alterssoziologischer Sicht sehr vielfältige und problematische Implikationen. Dies nicht nur deshalb, weil alte Menschen auf besondere Weise durch Corona und damit assoziierte gesellschaftliche und politische Maßnahmen betroffen sind – etwa weil sie zu einer besonders vulnerablen und deshalb durch das Virus besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppe gehören, weil die gegen die Pandemie ergriffenen Maßnahmen gravierende Auswirkungen auf die Strukturen der Altenpflege und -betreuung haben (z.B. wenn 24-Stunden-Betreuer/innen aus dem Ausland nicht einreisen können) oder weil die Ausgangsbeschränkungen gerade für „Risikogruppen“ wie Alte, aber auch chronisch Kranke oder Menschen mit Behinderung, sozial extrem isolierende Effekte entfalten und entsprechend schwerwiegende Auswirkungen auf deren Lebensqualität haben (siehe in dem Zusammenhang z.B. die aktuelle Petition der „Plattform behinderter, chronisch kranker und alter Menschen). All das sind altersspezifische Begleitumstände der aktuellen Krise, die ohne Zweifel nach alterssoziologischer Aufmerksamkeit verlangen. Im vorliegenden Kommentar geht es jedoch weniger um solche Auswirkungen der Corona-Krise im und auf das Leben und den Alltag älterer Menschen, sondern primär um Implikationen auf der Ebene des gesellschaftlichen Altersdiskurses und im Hinblick auf den sozialen Status von und die gesellschaftliche Sicht auf alte Menschen. Denn auch in dieser Hinsicht gibt es eine Reihe von zum Teil sehr widersprüchlichen und besorgniserregenden Entwicklungen und Tendenzen im Zusammenhang mit der Corona-Krise. Ein Kommentar von Andreas Stückler.

Auf den ersten Blick könnte es freilich so scheinen, als wäre das gesellschaftliche Klima gegenüber alten Menschen gerade im Kontext der Corona-Krise ein ausgesprochen freundliches und wohlgesinntes, angesichts der Tatsache, dass die strengen und in dieser Form wahrscheinlich historisch einzigartigen Maßnahmen gegen die Pandemie, die immerhin bis zum nahezu vollständigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen „Shutdown“ reichen, primär mit dem Schutz von Risikogruppen – und hier allen voran Alten, Kranken und Pflegebedürftigen – legitimiert werden. Auch gemessen an den in der jüngeren Vergangenheit hegemonialen Altersdiskursen vor dem Hintergrund des demographischen Wandels, in denen die nach wie vor rasch voranschreitende Zunahme des Altenanteils an der Bevölkerung im Sinne einer „gesellschaftlichen Überalterung“ verhandelt wird und Alte primär als „Unproduktive“ und als gesellschaftliche „Kostenfaktoren“ erscheinen (vgl. Messerschmidt 2015; Stückler 2019: 5-11), erweist sich der Altersdiskurs in Zeiten der Corona-Krise als überraschend „altersfreundlich“. Freilich war auch in den letzten Jahren der durch den demographischen Wandel geprägte Altersdiskurs oberflächlich gesehen kein ausschließlich altersfeindlicher – sind doch in diesem Zusammenhang auch die „jungen und aktiven Alten“ entdeckt worden, die mit ihren vielfältigen „Kompetenzen“, ihrer „Aktivität“ und ihren „produktiven Potenzialen“ zur Bewältigung der demographischen Herausforderungen beitragen könnten und dementsprechend gesellschaftliche Anerkennung erheischen (eine Anerkennung, die aber eben auch durch eine gesellschaftlich nützliche Aktivität im Alter verdient werden muss, vgl. kritisch zum „aktiven Altern“ van Dyk 2007; van Dyk/Lessenich 2009; Stückler 2016). Im Kontext von Corona geht es aber gerade nicht oder jedenfalls nicht primär um dieses Segment der „jungen Alten“, geht es also weniger um das aktive und gesunde „dritte Alter“, sondern in erster Linie um das abhängige „vierte Alter“, also um Hochaltrige, Pflegebedürftige und Gebrechliche. Und vor allem diese sind es, die in der aktuellen Corona-Krise als besonders schutzbedürftig gelten und gegenwärtig von einer Welle der Solidarität erfasst werden, die durchaus bemerkenswert ist.

Auf der anderen Seite sind verschiedene Phänomene und Tendenzen zu beobachten, die zu dieser „Altersfreundlichkeit“ in erheblichem Kontrast stehen. Gerade vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Einbrüche, die die Anti-Corona-Maßnahmen nach sich ziehen – volkswirtschaftliche Prognosen gehen bereits von einer tiefen Rezession aus, die Dimensionen der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre erreichen könnte – werden Stimmen laut, die eine möglichst rasche Rückkehr zur „Normalität“ fordern, um das Schlimmste zu verhindern, und dies gegebenenfalls, explizit oder implizit, auch um den Preis der Opferung von Risikogruppen, insbesondere Alten. Bislang am offensten drückte es etwa der texanische Senatspräsident Dan Patrick aus, der am ersten Höhepunkt der Pandemie in den USA Ende März 2020 ältere Amerikanerinnen und Amerikaner ausdrücklich zum Opfertod für die Wirtschaft und den „American way of life“ aufforderte:

„Wenn mich jemand fragen würde, ob ich zum jetzigen Zeitpunkt bereit wäre, nach draußen zu gehen und möglicherweise mein Leben dabei zu riskieren, um so die amerikanische Wirtschaft und unseren ‚Way of Life‘ für meine Enkelkinder zu sichern, natürlich würde ich dieses Risiko eingehen; und ich glaube, unzählige andere Großeltern in unserem Land würden genauso patriotisch handeln.“

Dan Patrick (2020)

Sicher, derart menschenverachtende, das Lebensrecht Älterer auf krasseste Weise wirtschaftlichen Interessen unterordnende Aussagen sind Extrembeispiele und derzeit (noch) klar in der Minderheit. Und sie stehen, wie gesagt, auch in gewissem Widerspruch zu der Tatsache, dass die rigiden politischen Maßnahmen im Kampf gegen das Virus gerade mit dem Schutz der älteren Bevölkerung begründet werden. Trotzdem drückt sich darin eine gesellschaftlich und kulturell tief eingewurzelte ökonomische bzw. kapitalistische Kosten-Nutzen- und Rentabilitätslogik aus, die dazu neigt, menschliches Lebensrecht, vor allem von wirtschaftlich „Unproduktiven“ wie Alten oder Pflegebedürftigen, von ökonomischen Kriterien abhängig zu machen und unter Finanzierbarkeitsvorbehalt zu stellen. Diese beim texanischen Senatspräsidenten nur in besonders krasser Form ausgedrückte ökonomische Logik findet sich daher durchaus auch hierzulande in öffentlichen Diskussionen, wenn auch (einstweilen noch) eher implizit.

In impliziter Form ist diese Logik selbst noch (und gerade) dort wirksam, wo die politischen Maßnahmen gegen die Pandemie bevorzugt mit dem Schutz von Alten als besonders gefährdeter Risikogruppe legitimiert werden. Bereits nach wenigen Wochen des gesellschaftlichen Ausnahmezustands drehte sich auch in Österreich die mediale Diskussion primär um die Frage, wie und wie lange die medizinisch gebotenen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie und zum Schutz von Risikogruppen mit den wirtschaftlichen Notwendigkeiten von Arbeitsplätzen, Wertschöpfung, Wachstum, Wirtschaftsstandort usw. in Einklang gebracht werden können. Zunehmend wird die Frage gestellt: „Wie lange können wir uns den Ausnahmezustand noch leisten?“ (so der Titel der ORF-Sendung „Im Zentrum“ vom 29. 3. 2020). Implizit ist damit zum Ausdruck gebracht, dass der Schutz von Risikogruppen in erster Linie eine Frage des ökonomisch Machbaren und daher auch im Zweifel zugunsten ökonomischer Faktoren einseitig aufkündbar ist. Substantiell besteht hier also im Grunde ein verschwindend geringer Unterschied zu den oben zitierten, zutiefst menschenverachtenden Aussagen eines Dan Patrick – auch wenn bei uns einstweilen noch niemand die Preisgabe der Alten im utilitaristischen Gesellschaftsinteresse fordert und selbst Wirtschaftsvertreter stets ihr rhetorisches Bekenntnis zum Schutz von Risikogruppen ablegen („Die Gesundheit der Menschen geht vor, aber …“). Hier wie dort sind die Aussagen und Debatten geleitet durch das implizite Wissen, dass gegen die „Naturgesetze der kapitalistischen Produktionsweise“ (Marx) nicht dauerhaft verstoßen werden kann, ohne verheerende ökonomische Krisen zu riskieren – auch wenn das bedeutet, möglicherweise zahlreiche Menschenleben dafür opfern zu müssen. (Ähnlich verhält es sich ja auch bei gesellschaftlichen Problemen wie dem Klimawandel. Auch hier ist es mittlerweile nahezu allgemein konsensfähig, dass eine auf Wachstum beruhende Wirtschaftsweise nur noch um den Preis der Zerstörung unserer ökologischen Lebensgrundlagen weiterzuführen ist. Dennoch (oder eben deshalb) werden diese nach wie vor dem kapitalistischen Wachstumszwang geopfert – dazu ausführlich Konicz 2020). Gerade auch an den Debatten um die wirtschaftliche Verträglichkeit und Leistbarkeit von Maßnahmen zum Schutz von Alten und Pflegebedürftigen wird somit deutlich, wie nah „Altersfreundlichkeit“ und „Altersfeindlichkeit“ beieinander liegen und dass es im Zweifel, vor allem in Zeiten gesellschaftlicher Krise, das als besonders schützenswert ausgegebene Leben alter Menschen ist, welches gegebenenfalls zur Diskussion gestellt wird.

Nicht nur in Diskursen über die wirtschaftliche Tragbarkeit des Ausnahmezustands und des Schutzes von Risikogruppen machen sich derartige ökonomische, im Kern altersfeindliche Kalküle und Rationalitäten geltend, sondern auch in unmittelbar durch die Pandemie veranlassten Reaktionen und Maßnahmen zur Bekämpfung des Corona-Virus. Hier ist selbstverständlich zu berücksichtigen und gewissermaßen relativierend in Rechnung zu stellen, dass die Corona-Krise eine gesellschaftliche und in dieser Form (zumindest hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Reaktion darauf) vielleicht historisch einzigartige Extremsituation darstellt, die in kürzester Frist politische Ermessensentscheidungen erfordert, die sicherlich nicht einfach zu treffen sind. Dies gilt vor allem in Ländern, die besonders stark von der Pandemie betroffen sind und in denen zum Teil katastrophische Zustände herrschen. Vielleicht sind es aber gerade Krisensituationen wie die heutige, in denen sich das wahre Wesen einer Gesellschaft zeigt, und an denen bzw. am konkreten Umgang mit diesen eine Gesellschaft gemessen und beurteilt werden muss. Jedenfalls waren und sind im Zusammenhang mit der Bewältigung der Pandemie und ihrer unmittelbaren Folgen zahlreiche Phänomene und Tendenzen zu beobachten, die aus alterssoziologischer Sicht zu denken geben.

So sind in Spanien – neben Italien das vielleicht am stärksten von der Pandemie betroffene europäische Land – Fälle bekannt geworden, in denen Alte und Pflegebedürftige in Altenheimen quasi zum Sterben zurückgelassen wurden. In Frankreich wurde in manchen Krankenhäusern aufgrund von Überlastung infolge zahlreicher Infektions- und Krankheitsfälle zum Teil dazu übergangen, keine Menschen mehr über 80 intensivmedizinisch zu versorgen. Diese erhielten stattdessen nur noch Sterbebegleitung und eine palliative Betreuung. In Italien sind angesichts der dort herrschenden katastrophalen Zustände längst Triage-Bestimmungen in Kraft, die die Sortierung von Patient/innen in vor- und nachrangig zu Behandelnde entlang bestimmter Kriterien vorschreiben. Die dafür maßgeblichen Empfehlungen der italienischen Gesellschaft für Anästhesie, Analgesie, Reanimations- und Intensivmedizin (SIAARTI) sind bezeichnend und können den zugrunde liegenden Utilitarismus und die ihm inhärente, wie auch immer latente Altersfeindlichkeit kaum verbergen:

„Ressourcen, bei denen erhebliche Knappheit eintreten könne, seien zunächst [1] für denjenigen zu reservieren, der eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit habe, und (…) [2] für denjenigen, der mehr Jahre geretteten Lebens (‚più anni di vita salvata‘) erreichen könne, im Blick auf [3] eine Maximierung des Nutzens (‚dei benefici‘) für die größte Anzahl der Personen.“

SIAARTI

Gerettet werden sollen im Zweifel also vorrangig Menschen, die gesellschaftlich von Nutzen sind und deren Rettung sich gesellschaftlich wie auch individuell, im Hinblick auf die quantitativ verbleibende Lebenszeit, hinreichend „rentiert“.

Auch hier ist also wieder die oben angesprochene kapitalistische Rentabilitätslogik handlungsleitend, die im Zweifel das Leben von alten Menschen als weniger „lebenswert“, im Vergleich zu dem von anderen (jüngeren) Menschen, deklariert. Auch das ist freilich nicht per se neu und schon gar kein Spezifikum der aktuellen Corona-Krise, sondern darin materialisiert und aktualisiert sich ein Diskurs, der bereits eine relativ lange, moderne Tradition hat. Bereits 1960 schrieb der spätere Wirtschaftsnobelpreisträger sowie einer der Ahnherren und „Chefideologen“ des Neoliberalismus, Friedrich August von Hayek, in seinem Werk Die Verfassung der Freiheit:

„Es mag hart klingen, aber es ist wahrscheinlich im Interesse aller, daß in einem freiheitlichen System die voll Erwerbsfähigen oft schnell von einer vorübergehenden und nicht gefährlichen Erkrankung geheilt werden um den Preis einer gewissen Vernachlässigung der Alten und Sterbenskranken. Unter Systemen der staatlichen Medizin finden wir allgemein, daß diejenigen, die schnell zu voller Leistungsfähigkeit wiederhergestellt werden könnten, lange Zeit warten müssen, weil die Spitalseinrichtungen von Leuten in Anspruch genommen werden, die nie mehr etwas für ihre Mitmenschen leisten werden.“

Friedrich August von Hayek (1960)

Im Zweifel – und das heißt vor allem: wenn es die ökonomische Rentabilität gebietet – können medizinische Leistungen für alte Menschen nach Kriterien des Kosteneffizienz rationiert werden. Wie tief derartige Denkmuster bis in die Gegenwart hinein reichen, wird u.a. daran ersichtlich, dass auch in Österreich potentielle Triage-Bestimmungen vor dem Hintergrund der Corona-Krise medizinethisch mit derselben „freiheitlich-demokratischen“ Argumentation begründet wurden wie der von Hayek – wenngleich dabei immerhin (anders als etwa in Italien) ausdrücklich darauf bestanden wurde, dass das kalendarische Alter des/der Patient/in kein Kriterium sein, also eine medizinische Behandlung nicht bloß aufgrund des Alters der Person verweigert werden dürfe. In Österreich war es allerdings auch noch nicht erforderlich, entsprechende Triage-Bestimmungen in Kraft zu setzen, bestand bisher also auch noch kein derart unmittelbarer Handlungsdruck wie in Italien.

In diesem Zusammenhang wird vielleicht überhaupt noch zu klären sein, inwieweit die aktuellen Zustände in Ländern wie Italien oder Spanien vor allem auf die dort in den vergangenen Jahren besonders stark vorangetriebenen neoliberalen Ökonomisierungs- und Privatisierungsprozesse und entsprechend kaputtgesparte und marode Gesundheitssysteme zurückzuführen sind. Es ist zumindest auffällig, dass mit Italien und Spanien zwei der am meisten verschuldeten und/oder durch eine neoliberale Austeritätspolitik am stärksten verwüsteten Staaten Europas derzeit besonders stark unter der Corona-Krise zu leiden haben. Dementsprechend hoch ist dort der Handlungsdruck angesichts eines schon per se morschen und unter der Last der Pandemie endgültig zusammenbrechenden Gesundheitssystems, was wiederum den Einsatz so drastischer Maßnahmen wie die Triage oder die Rationierung intensivmedizinischer Versorgung erforderlich macht.

Im Grunde kann und muss man sogar so weit gehen, mit Blick auf solche gravierenden und im Prinzip inhumanen Maßnahmen zur Bewältigung der Corona-Pandemie von Senizid, also von Altentötung zu sprechen – zumindest wenn man dabei der Definition von Raimund Pousset folgt. Pousset spricht in diesem Zusammenhang von „passiver Senio-Euthanasie“. Darunter subsumiert er sämtliche Handlungen oder Unterlassungen, die den Tod eines alten Menschen billigend in Kauf nehmen, etwa durch unterlassene Hilfeleistung, Behandlungsabbruch, Verlassen, Vernachlässigung bis zum Tod oder „Inedia-Inszenierung“ (d.h. verhungern und/oder verdursten lassen). Er wird getötet, indem er aufgegeben und seinem Schicksal überlassen wird. Dies kann also umstandslos auf Maßnahmen wie die Triage oder die Rationierung intensivmedizinischer Versorgung im Kontext der Corona-Krise übertragen werden. Auch hier wird alten Menschen unter bestimmten Umständen eine notwendige medizinische Behandlung verweigert und dadurch ihr Tod in Kauf genommen. Wie auch immer man das medizinethisch begründen und mit dem durch die Pandemie verursachten gesellschaftlichen Ausnahmezustand entschuldigen mag – de facto handelt es sich hier um eine Tötung durch Unterlassung, also um einen Senizid.

Es sind also längst nicht nur manche latente Sinngehalte in den Debatten über die „Kosten“ und die „wirtschaftlichen Folgen“ des Schutzes von Alten und anderen Risikogruppen, sondern auch solche manifesten Phänomene und Krisenbewältigungsstrategien, die einen äußerst misstrauisch gegenüber der offiziellen „Altersfreundlichkeit“ im gesellschaftlichen und politischen Umgang mit der Corona-Krise stimmen sollten. Für diese Skepsis gibt es darüber hinaus sogar noch mindestens einen weiteren sehr guten Grund: Es gilt inzwischen als sicher, dass durch die Corona-Krise und insbesondere die gesellschaftlichen und politischen Reaktionen darauf – Ausgangsbeschränkungen bis hin zur Quarantäne ganzer Regionen, wirtschaftlicher „Shutdown“ etc. – massive wirtschaftliche Einbrüche, wahrscheinlich sogar eine tiefe Weltwirtschaftskrise, zu erwarten sind. Je nachdem, wie schwerwiegend die wirtschaftliche Krise ausfallen wird, ist nicht nur zu befürchten, sondern durchaus anzunehmen, dass die Alten spätestens dann, wenn die Krisenerscheinungen manifest werden (in Form von Massenarbeitslosigkeit, explodierender Armut und dgl.), als Sündenbock herhalten müssen – und zwar gerade deshalb, weil die heutigen Maßnahmen im Kampf gegen Corona mit dem Schutz der besonders gefährdeten älteren Generation begründet werden. Dies ist schon deshalb zu befürchten, da die Alten bereits bei zahlreichen anderen gesellschaftlichen Problemen ganz oben auf der Sündenbock-Liste stehen. Selbst in manchen linksliberalen Kreisen scheint mittlerweile ein Altersbild en vogue zu sein, das alte Menschen als zunehmende „Gefahr“ für die Jungen konstruiert. Aus dieser Sicht sollen die Alten nicht nur am demographischen Wandel und den damit assoziierten gesellschaftlichen Folgen (nachhaltige Unfinanzierbarkeit von Pensionssystemen, steigende Gesundheits- und Pflegekosten etc.) schuld sein, sondern etwa auch an der rasch voranschreitenden Prekarisierung von Lebensverhältnissen oder am Klimawandel. Selbst in den auf den ersten Blick so sympathischen Jugendprotesten im Kontext des Klimawandels (Fridays for Future etc.) ist zumindest ein latent altersfeindliches Grundmuster zu erkennen, insofern diese die Klimaproblematik bevorzugt als eine Art Generationenkonflikt rahmen. Demnach sind es in erster Linie die Alten bzw. Erwachsenen, die mit ihrem ökologisch destruktiven Handeln und ihrer politischen Untätigkeit der Jugend gewissermaßen die Zukunft rauben.

Was sollte also die von der kommenden Wirtschaftskrise gebeutelte Bevölkerung davon abhalten, die Alten für ihre Misere verantwortlich zu machen, wo doch der ursächliche Zusammenhang anscheinend so offen zutage liegt: Hätten wir die Alten (die uns aufgrund des demographischen Wandels ohnehin zunehmend auf der Tasche liegen) nicht vor Corona gerettet, wäre die Wirtschaftskrise vermeidbar gewesen. Getrost außer Acht bleiben kann bei einer so einfachen und schlüssigen Erklärung für die Krise, dass die Weltwirtschaft schon lange davor extrem instabil war und sehr wahrscheinlich auch ohne Corona in absehbarer Zeit in die nächste große Krise geschlittert wäre. Die heute noch überwiegende, zumindest oberflächliche „Altersfreundlichkeit“ könnte unter diesen Bedingungen jedenfalls sehr rasch in offene, manifeste Altersfeindlichkeit umschlagen. Unter der Oberfläche zeichnen sich schon jetzt entsprechende Entwicklungen mehr oder weniger deutlich ab: So sind in den letzten Wochen vereinzelt Fälle an mich herangetragen worden, in denen alte Menschen in Wien tätlich angegriffen, angerempelt und bespuckt wurden. Auch wenn (oder vielmehr weil) es sich dabei um Berichte aus meinem persönlichen und professionellen Umfeld handelt, ist schwer davon auszugehen, dass es sich dabei um keine Einzelfälle handelt, auch wenn dergleichen derzeit noch Ausnahmecharakter hat und sich im statistisch marginalen Bereich bewegen dürfte.

Aus alterssoziologischer Sicht gilt es jedenfalls, die weiteren Entwicklungen im Auge zu behalten. Die kommende Wirtschaftskrise lässt vor allem für alte Menschen – über das für Wirtschaftskrisen übliche und erwartbare Maß hinaus – nichts Gutes erahnen. Selbst wenn es noch mal glimpflich ausgehen sollte und die Alten nicht diskursiv wie praktisch zu Sündenböcken für die Krise gemacht werden, bleibt voraussichtlich immer noch die politische Bearbeitung der Krisenfolgen, insbesondere der durch die Krise und die Rettung der Wirtschaft (Rettungsfonds, Konjunkturprogramme etc.) nochmals stark ansteigenden Staatsverschuldung – ein Problem, das der Staat vermutlich durch weitere Kürzungen und „Umstrukturierungen“ vor allem im Sozial- und Gesundheitsbereich zu lösen versuchen wird. Auch davon würden alte Menschen wieder besonders betroffen sein.

Andreas Stückler, MA ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Österreichischen Plattform für Interdisziplinäre Alternsfragen (ÖPIA) sowie Dissertant am Institut für Soziologie der Universität Wien. In seiner Dissertation entwickelt er eine „kritische Theorie des Alters und Alterns in der kapitalistischen Gesellschaft“.
stueckler@oepia.at

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