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Soziologisches Journal

Denken in Zeiten der Krise

Der Weg vom Wissen über das Planen
zum Tun ist intergalaktisch weit

1. Von den Mängeln des Wissens

Niemand, der sich um redliches Nachdenken bemüht, wird gegenwärtig eine Voraussage darüber treffen, wie die Zukunft der Weltwirtschaft, der Beziehungen zwischen den Staaten, der Lebensbedingungen der breiten Massen beschaffen sein werden. Das hängt nicht ursächlich mit der inzwischen so genannten Corona-Krise zusammen, sondern damit, dass unser Wissen über die Welt und über uns selbst prinzipiell und immer irrtumsanfällig ist und sein wird. Die Krise macht uns diese Schwäche nur deutlich und schmerzhaft bewusst. Sie macht aber auch andere Facetten gesellschaftlichen Lebens nachdrücklich sichtbar, über die unsere Wahrnehmung und unser Bewusstsein sich unter „normalen“ Verhältnissen gerne hinwegschwindeln. Zu ihnen zählen so wesentliche Tatsachen wie: Sozial und ökonomisch Benachteiligte (in Österreich viele Ältere, Alleinerziehende, Kinder in Armut, AsylantInnen etc.) sind in Krisenlagen besonders gefährdet, in allen Beziehungen zwischen Menschen, selbst in jenen zwischen ExpertInnen der Virenforschung, geht es um Macht und Machtkämpfe, die Prinzipien des Systems, das wir das demokratische nennen, stehen immer auf dem Spiel. Deshalb ist es gut, dass gegenwärtig viele aus ihrem Dämmer aufgerüttelt werden, das ihnen Demokratie als etwas Selbstverständliches vorgegaukelt hat, in das keine Anstrengung investiert werden muss. Ein Essay von Anton Amann.

Diese Tatsachen könnten uns lehren einzusehen, dass über Wissen nicht gesprochen werden kann, ohne die Dimension der Macht mitzudenken. In einfachster Fassung geht es immer darum, die eigenen Interessen gegenüber jenen anderer durchzusetzen. Das trifft selbst auf etwas  irritierende Erscheinungen zu wie jene, dass ein als Experte ausgewiesener Wissenschaftler die Interpretation einer ganzen Gruppe anderer ExpertInnen zur Pandemie und ihren Gefahren als falsch hinstellt. Gerade naturwissenschaftliches Wissen lebt gerne vom Flair der reinen Erkenntnis und verleitet Menschen zu der Ansicht, dass solches Wissen verlässlich sei. In der Krise muss sich der Staat auf ExpertInnenwissen (Immunologie, Virologie, Epidemiologie) etc. verlassen, das aber nie einheitlich und letztgültig ist, und auf dieser Grundlage Entscheidungen treffen. Es wäre nicht nur naiv, sondern geradezu gefährlich zu glauben, dass dieses Wissen letzte und verlässliche Wahrheit darstellt.

2. Worin besteht die gegenwärtige Krise?

Zum Begriff der Krise sind zumindest zwei Bestimmungen zu benennen, die sich aber gegenseitig nicht ausschließen: Einmal können Krisen begriffen werden als offene Entscheidungssituationen, in denen unter Zeitdruck gehandelt werden muss, zum andern können Krisen angesehen werden als Zustände eines Systems, in dem die bisher vorhandenen und wirksamen Prozeduren der gesellschaftlichen Regulierung nicht mehr zureichen, um ein oder mehrere, neu auftretende Probleme zu lösen. Diese Umschreibung trifft auf die gegenwärtige Corona-Virus Krise ebenso zu wie auf die Krise der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 ca. 50 Millionen Menschen das Leben kostete, oder die Weltwirtschaftskrise von 1929. Es muss dazu gesagt werden, dass es in solchen Fällen um akute Krisen im Gegensatz zu latenten Krisen geht. Akute Krisen bedrohen sozusagen die Grundfesten einer Gesellschaft (um den Sprachgebrauch der Befestigungsarchitekten zu benützen), sie werfen Existenzbedingungen über den Haufen und können sich auf Verhältnisse zuspitzen, in denen es um Leben und Tod geht. Würden diese beiden Interpretationen tatsächlich durchdacht und die Folgen bewertet, so könnte ein großer Teil des Geschwätzes, das seit dem März 2020 um sich greift, ein für alle Mal unterlassen werden.

Ehe die aktuelle Situation ins Auge gefasst wird, ist ein Blick zurück in die letzte Krise, die Finanzkrise von 2008, durchaus sinnvoll. Dabei wird ein wichtiger Aspekt sichtbar, der unter heutigen Krisenbedingungen verschärft gilt. Was früher einmal in der Zuständigkeit nationalstaatlicher Institutionen zum Vor- und Nachteil der Menschen geregelt worden war, hatte damals diese begrenzte Bindung schon verloren. Die sogenannte „Finanzkrise“ und die Rolle der Banken machten es sichtbar. Die international agierende Wirtschaft (Globalisierung) hatte seit jeher auf die möglichst weitgehende Abschaffung aller Grenzen gesetzt, die dem wirtschaftlichen Verkehr hinderlich sein könnten. Deshalb wurden die vier großen Freiheiten erfunden: Freiheit des Verkehrs von Kapital, Waren, Dienstleistungen und Arbeitskraft. Je unbeschwerter dieser Verkehr funktioniere, desto erfolgreicher, hieß es immer, könne die Wirtschaft sich entwickeln. Dieses Credo wurde über Jahrzehnte gebetsmühlenartig verbreitet, sodass kaum noch jemand auf die Idee verfiel zu fragen, ob mit diesem Grenzenloswerden der Wirtschaft nicht auch Nachteile verbunden sein könnten. Und wenn jemand Kritik vorbrachte, folgten Häme und Abweisung. Einige Nachteile, wenn auch sehr spezielle, werden nun sichtbar. Die internationale Öffnung erschwert jede Kontrolle über außergewöhnliche Abläufe (non-uniform events); mit der Entwicklung hochkomplexer Produktionsbereiche (Informationstechnologie, Finanztransaktionen etc.) hat die Entwicklung rechtlicher und politischer Strategien für Steuerung und Kontrolle nicht Schritt gehalten; eine vollwertige internationale Koordination zwischen den einzelnen Staaten gibt es nicht (selbst die EU hat zweimal entscheidend versagt: einmal seit 2015 in der Flüchtlingsfrage und nun wieder in der Virus-Krise). Als mildernder Umstand könnte geltend gemacht werden, dass die Nationalstaaten die Institutionen der EU auch nie mit entsprechender Autorität ausgestattet haben.

Im Sommer 2012 wurden schließlich auf dem EU-Gipfel Entscheidungen getroffen, deren Folgen einen Angriff auf die Lebensbedingungen von Millionen Menschen bedeuteten. Die damals erfundene Bankenunion war ein Instrument, die oft aus Fahrlässigkeit entstandenen Schulden sogenannter Investoren auf die Bürger und Bürgerinnen umzuwälzen. Mit anderen Worten: Die SteuerzahlerInnen und SparerInnen der noch zahlungsfähigen Länder sollten auch für die Bankschulden in Haftung genommen werden, die fast dreimal so groß waren wie die Staatsschulden, für die sie auch nicht verantwortlich waren. Neben der schieren Unmöglichkeit, mit einer solchen Strategie eine sichere Lösung für die Zukunft zu finden, schienen die Verantwortlichen ebenso sehenden Auges zu akzeptieren, dass damit Konflikte, Abschottungen und Desintegration zwischen den Bevölkerungen Europas und zwischen einzelnen Gruppen in den jeweiligen Ländern geradezu heraufbeschworen würden. Diese Weigerung gegen bessere Einsicht gehörte zu einer Entwicklung, an der, als Bestandteil eines viel größeren Mosaiks, Wirtschaft und Politik seit langem einträchtig gebastelt hatten: Das Verschweigen bzw. schlichte Nichtwissen von Konsequenzen gewagter Finanztransaktionen und dann die Sozialisierung von Kosten unter dem Deckmantel der Solidarität. Es hat mir das Argument immer ein Lachen abgezwungen, das nach 2008 auftauchte: Ja, wer konnte denn wissen, dass „mortgage defaults in American Suburbs in 2007 would lead to a fiscal crisis in Greece in 2010?“

Milliarden zu „verspekulieren“ und dann zu erwarten, dass die Gemeinschaft dafür haftet, konnte schon damals angesichts aller notwendigen Integration von Gesellschaften wohl nur als verbrecherischer Leichtsinn bezeichnet werden. Dass solches Verhalten aber, und das scheint mir die eigentliche Tragödie zu sein, im Rahmen geltender Gesetze und der für sie zuständigen Justiz selbst nur schwer verfolgt und beurteilt, und in Einzelfällen „Verbrechen“ kaum geahndet werden können, hat offensichtlich mit schweren Unzulänglichkeiten des geltenden Rechts und massiven Versäumnissen in der Kontrollregelung internationaler Transaktionen zu tun. Selbst, wenn diese Auslegung der herrschenden Verhältnisse etwas harsch erscheinen mag, ändert das trotzdem nichts an dem Verdacht, dass manche Finanzstrategien sich außerhalb einer gesellschaftlichen Gesamtverantwortung etabliert hatten. Es gibt auch Stimmen, die diesen Prozess nur deshalb für möglich halten, weil sich die Ökonomie aus der Gesellschaft entfernt hat.

Den „Salzburger Nachrichten“ (Juli 2012) war damals zu entnehmen, dass in der gegebenen Situation negative Nachrichten ungeeignet seien, weil sie Unsicherheit und Ängste (!) bei den Menschen erzeugten. Es ist dies eine übliche Einwendung, die aber trotzdem ärmlich bleibt, weil sie zweierlei verkennt: Zum einen erzeugt eine tatsächliche Bedrohung Angst, und die ist für viele handgreiflich vorhanden, zum anderen ist eine abweichende Meinung, die öffentlich geäußert wird, Bestandteil einer demokratischen Verfassung. Solche Repliken zeugen also zumindest von einem eigenartigen politischen Bewusstsein, sie sind aber auch heute nicht außer Kraft, die Sozialen Medien und selbst die Reden in der Politik sind mit ihnen geladen.

Damals wie heute lassen die gängigen Vorstellungen die Menschen sich reflexartig an den Wunsch eines wirksamen Eingriffs klammern, der die Krise abwenden, ihre Folgen abmildern und vor allem – die persönliche Sicherheit und Unversehrtheit bewirken solle. Ein solcher Eingriff wird von den meisten vom machtvoll eingreifenden Staat erwartet und auch erhofft. Nur, wie soll er vorgehen, dieser Staat, wenn doch gilt, dass die bisher eingesetzten Regulierungen nicht mehr fruchten? Er ist auf das angewiesen, was treffend die Methode von Versuch und Irrtum genannt wird. Nichts beweist dies besser als die weltweit völlig unterschiedlichen Strategien der einzelnen Regierungen und Verantwortlichen, welche zur Bewältigung des Problems eingesetzt werden. Dabei muss sich der Staat, wie schon erwähnt, auf ExpertInnenwissen (Immunologie, Virologie, Epidemiologie) etc. verlassen, das nie einheitlich und letztgültig sein kann, und auf dieser Grundlage Entscheidungen treffen. Als widersprüchlich stellen sich auch die Expertisen der Ökonomie zu den Folgen der Virus-Krise dar: Während z. B. ein ranghoher Banker in Österreich von der reinigenden Wirkung der Krise unter den Unternehmen sprach, behauptete der Leiter eines angesehenen Forschungsinstituts das bare Gegenteil; wenn ihnen nicht böse Absicht unterstellt werden soll, und das wäre sicher falsch, dann bleibt nur die Antwort, dass sie von derselben Sache sehr unterschiedliche und zum Teil unvereinbare Auffassungen haben. Es wäre nicht ganz abwegig, angesichts dieser Situation die Politik zu bedauern. Zu weit sollte dieses Bedauern allerdings nicht gehen, sie weiß sich schon zu helfen, schließlich ist ihr Medium die Macht.

Regierungen entscheiden und handeln also unter Unsicherheit. Das sollten wir uns bewusst halten, weil das hilft, nicht in den scheinbar beruhigenden Gedanken zu verfallen, die Regierung werde es schon richten. Im Gegenteil: Diese Einsicht erzwingt geradezu die Vorstellung, dass wir an uns selbst ebenfalls Erwartungen hegen und Forderungen stellen müssen. Dazu könnte zählen: Die Fehleinschätzung von Folgen des eigenen Handelns zu vermeiden, die Dominanz des Eigeninteresses zu relativieren, die Rücksicht auf Interessen der anderen/der Mehrheit zu erhöhen, das Überwiegen eingefahrener Gewohnheit gegenüber neugierigem Nachdenken zu durchbrechen. Das aber scheint bei nicht wenigen Menschen nicht nur nicht zu funktionieren, sondern sogar Widerstand hervorzurufen. Angesichts einer umfassend bedrohlichen Situation verweist das auf Dummheit.

3. Von der Dummheit

Diesen Begriff zu verwenden bedeutet, spontane Abneigung und Widerstand hervorzurufen, denn als dumm will niemand gelten, eine solche Zuschreibung würde als Beleidigung empfunden. Doch will ich den Begriff nicht als Vorwurf verstanden wissen, sondern als das beschreibende Ergebnis einer Diagnose. Zöge eine riesige und dichte Schwade gelben stinkenden Schwefeldampfes über ein Wohngebiet, der Hustenreiz und tränende Augen, Atembeklemmungen und Würgegefühle hervorruft, so gäbe es wohl keinen einzigen Menschen dort, der nicht auf der Stelle die Gefährlichkeit wahrnehmen, einsehen und dann entsprechend handeln würde.

Nun ist bekannt, dass das Virus, das uns bedroht, mit einer solchen Schwefelwolke nicht gleich zu setzen ist. Das ist ein Teil der Überlegung, die anzustellen ist. Das Virus ist unsichtbar, es stinkt nicht und seine Wirkung tritt nicht sofort ein, sondern verzögert, unter bestimmten Umständen heißt sie: Tod. Was nicht als unmittelbare Bedrohung sichtbar und spürbar wird, wirkt weniger drastisch. Der andere Teil der Überlegung zielt auf einen davon völlig verschiedenen Umstand. Menschen machen sich von den Geschehnissen in ihrer Welt ebenso wie von sich selbst ihr eigenes Bild, sie haben ihre Theorien. Das hat immer mit Wissen und Bewertungen zu tun. Menschen müssen bewerten, sie können nicht anders. Es müsste wohl einmal vom homo aestimans gesprochen werden. Was über die Virus-Krise berichtet wird, ist für die einen Anlass, an die bösen Machinationen eines Feindes zu glauben (Verschwörungstheorien), für die anderen der längst fällige Beweis für den Untergang des Systems (Katastrophentheorien), für wieder andere Grund genug, sich den Umständen entsprechend vernünftig zu verhalten (Rationaltheorien), und noch einmal für andere einfach die Aufforderung, nur noch auf sich selbst zu sehen und alles um sich herum als unwichtig und belanglos zu erachten (Egozentrismustheorien). Diese vier Typen sind mit Bedacht gewählt, sie lassen sich empirisch gut nachweisen. Angesichts dessen, was nun über die Virus-Krise gewusst werden kann und wie sie eventuell (Versuch und Irrtum) zu bewältigen wäre, sowie die Art und Weise, wie die Menschen sich tatsächlich verhalten, kann mit einiger Sicherheit nur der dritte Typ als relativ vernünftig eingestuft werden (obwohl es auch bei diesem Irrationalitäten gibt), während die drei anderen entschieden abweichen.

VerschwörungstheoretikerInnen vertreten mit den scharfsinnigsten Begründungen Wahngebilde, die aufgeweckten Vierzehnjährigen als unsinnig erscheinen müssen; sie neigen zu dieser Haltung, weil das Erkennen eines Feindes es ihnen erlaubt, ihre Aggressionen auf ein Ziel zu richten und sich dadurch sicherer zu fühlen. Im Internet kursierende Behauptungen, dass an der Krise Flüchtlinge oder die Juden schuld seien, gehören in diese Rubrik. KatastrophentheoretikerInnen hängen einer Mischung aus Angst vor Zerstörung und gleichzeitig morbider Sehnsucht nach Zerstörung an, möglicherweise aus Hass gegen das Bestehende („Denn alles, was entsteht, ist wert dass es zugrunde geht“, sagt Mephistopheles zu Faust in der Studierzimmerszene). EgozentrismustheoretikerInnen sitzen schlicht der Illusion einer grenzenlosen psychischen Freiheit auf, die eine Begrenzung ihrer eigenen Interessen durch jene anderer nicht anerkennt.

Weder Verschwörung, noch Katastrophe, und schon gar nicht Egozentrismus ließen sich als persönliche Weltsicht aufrecht erhalten, wenn alle Informationen kritisch bedacht und durchdacht würden, die verfügbar sind. Dummheit ist daher eine Haltung, die auf eine gezielte und kritische Verarbeitung vorhandenen Wissens verzichtet oder sich gegen sie wehrt zugunsten eines Verharrens in der eigenen Weltsicht, die sich speist aus dem ganzen Arsenal an Vorbildung und eingefahrenen Denkgewohnheiten. Sehr schön in seiner Ironie ist der Spruch, den ich einmal in einer Arztpraxis in Wien gesehen habe: „Ich habe meine Meinung, verwirren Sie mich nicht mit Tatsachen.“

4. Der Gedanke der Folgen

Als der oben genannte österreichische Banker von einer reinigenden Kraft der Krise sprach, hatte er als gelernter Ökonom wahrscheinlich die Hypothese über die „schöpferische Zerstörung“ im Auge. Der zugrunde liegende Gedanke tauchte bereits bei Karl Marx auf, dann wieder bei Werner Sombart, und erhielt schließlich seine bis heute zugespitzte Bedeutung beim österreichischen Starökonomen Josef Schumpeter („Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“). Der Kerngedanke heißt, dass der Kapitalismus aus sich heraus, durch stoßartige Veränderungen, seine Produktionsstrukturen verändere, wobei der Auslöser technische Innovationen seien, die von Unternehmen vorangetrieben würden, um sich auf neuen Märkten durchzusetzen. In diesem Prozess würden neue einheimische und fremde Märkte geschaffen und der Produktionsprozess revolutioniert.

Es lässt sich mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass das Auftauchen des Corona-Virus nicht das Ergebnis einer Innovationsstrategie von Unternehmen war, dass das In-die-Welt-Treten des Virus nicht einen stoßartigen Schub darstellt (es scheint der Virusstamm schon seit den 1960er Jahren zu geben und es scheinen Hunderte von Variationen zu existieren), und dass sein Auftreten wahrscheinlich keine neuen Märkte schafft, auf denen sich neuartige Produktionsformen durchsetzen werden. (Selbst die Entwicklung neuer Impf- und Wirkstoffe wird über herkömmliche Finanzierungswege, mit bewährten Entwicklungstechnologien und durch etablierte Unternehmen mit entsprechender Marktmacht geschehen).

Was sich ebenfalls mit ziemlicher Sicherheit sagen lässt, betrifft folgende Wirkungen: Durch die notwendig gewordenen Eingriffe des Staates (diese Notwendigkeit steht außer Zweifel), werden Märkte gestört, Produktionsketten unterbrochen, Dienstleistungen beendet, Warenverkehr erschwert und Arbeitskraft außer Funktion gesetzt. Noch ein Faktum ist dabei offenbar geworden. Obwohl MarktfundamentalistInnen immer noch behaupten, dass die Wirtschaft am besten ohne Staat funktioniere (die Märkte regeln alles), ist deutlich, dass die Wirtschaft unter den gegebenen Umständen die Hilfe des Staates braucht. Damit wird eine alte Wahrheit bestätigt. Der Kapitalismus kann mit und ohne Staat nicht. Es dürfte daher im gegenwärtigen Zeitpunkt vernünftig sein, auf eine Politik der kleinen Reform- und Sanierungsschritte (piecemeal engineering, der Begriff wurde von Karl Popper geprägt) nach der Krise zu setzen. Diese Überlegung hängt mit der Tatsache zusammen, dass derart konvulsive Ereignisse, wie wir sie gegenwärtig beobachten, langfristige Implikationen zeitigen, die in nicht vorhersehbare Richtungen ausschlagen können und Jahre der Bearbeitung erfordern werden. Eine Lektion lässt sich aus all dem lernen: Einige der überraschenden Effekte der Virus-Krise auf dem Niveau internationaler Wirtschaft (z. B. im Rohölhandel) sind die Wirkungen schon lange vorhandener Schwächen des globalen Systems, die zu übersehen in guten Zeiten sehr leicht fiel.

Vor einigen Wochen verfolgte ich eine moderierte Diskussion im TV zwischen einem Politikwissenschaftler und einer Philosophin zum Thema „Nach der Krise“. Von der Argumentation der Frau war ich derart konsterniert, dass ich mir einige Stichworte notierte. Sie sprach davon, wie die Menschen nun in der Krise lernten, bescheiden zu werden, die Fähigkeit wieder zu erlangen, Glück auch in kleinen Dingen zu finden; sie vermutete, dass die Sozialen Medien einen wesentlichen Beitrag zum Frieden auf der Welt leisten, dass der Massenkonsum nicht benötigter Dinge zurückgehen, der internationale Flugtourismus abnehmen und die Bereitschaft der Menschen, aufeinander zuzugehen, wieder steigen würden. Ich will nicht ungerecht sein, doch angesichts dessen, was wir über das Verhalten von Menschen wissen, kam das einer Amentia, also einer glückseligen halluzinatorischen Verworrenheit nahe.

In dieser Argumentation erschien die Virus-Krise wie ein von außen herangetragenes, erlebnisaktivierendes Verfahren, das die Menschen zu neuen Einsichten und verändertem Handeln bewegen wird. Solches ist füglich zu bezweifeln. Der größte Teil menschlichen Handelns erfolgt „automatisch“, das heißt, dass Situationswahrnehmungen und tatsächliche Handlungsabläufe in hohem Maße habitualisiert sind. Habitualisierung ließe sich als „in Fleisch und Blut übergegangen“ verstehen, und das ist unausweichlich, denn müssten wir in jeder Situation erst von Neuem nachzudenken beginnen, was für ein der Situation angemessenes Handeln zu berücksichtigen ist, wären wir schlicht – handlungsunfähig. Natürlich handeln Menschen nicht in sklavischer Abhängigkeit vom habitualisierten Bestand, sie können auch gezielt überlegen und wählen, z. B., ob sie der verhängten Ausgangssperre Folge leisten oder nicht. Trotzdem gilt, dass hinter unserem Handeln die Gewohnheit steht, und alle Disziplinen der Sozialwissenschaften sind sich einig darin, auch bei sehr unterschiedlichen theoretischen Begründungen, dass dieses eingefahrene, gewohnheitsmäßige, vor allem bewussten Nachdenken liegende (präreflexive) Handeln nur sehr schwer zu ändern ist. Jeder Versuch in dieser Richtung stößt auf erheblichen Widerstand.

In Vorausschau auf künftige Zustände ist das Zusammenwirken einer Vielzahl von Faktoren zu bedenken, und es gibt, in dieser Komplexität, noch keine Simulationsmodelle. Um einigermaßen stabiles, voraussehbares Handeln von Menschen erwarten zu können, sind ebenfalls einigermaßen stabile Umweltbedingungen Voraussetzung. Dazu zählen zumindest, die Wiederaktivierung von Arbeitsplätzen, die Absicherung des Bedarfs an Sozialen Transfers, die verlässliche Versorgung mit Energie, Wasser, Lebensmitteln und lebenswichtigen Dienstleistungen sowie die Möglichkeit des freien Verkehrs im öffentlichen Raum. Darüber hinaus ist auch noch die Abgeltung von Schulden (Kredite, entgangene Einkünfte etc.) zu bedenken. Unter solchen Voraussetzungen kann erwartet werden, dass der größte Teil der Menschen wieder in seine gewohnten Verhaltensweisen zurückfallen wird. Kleinere Gruppen werden mit Sicherheit die Neigung entwickeln, entgangenen Konsum etc. auszugleichen oder auch überzukompensieren, wieder andere Gruppen werden einige Bedingungen in ihrem Leben umstellen. Dass eine aus der jetzigen Krise hervorgehende größere Solidarität, ein intensiviertes gelebtes Miteinander auf Dauer sich einstellen wird, weit ausgedehnter als bisher, ist kaum zu erwarten. Einfach naiv wäre es, die Virus-Krise als einen Reinigungsprozess anzusehen, aus dem eine Welt verbesserter sozialer Beziehungen hervorkommen werde. Das hat noch keine Krise geschafft. Und dass nach dieser Krise das System der Weltwirtschaft sich völlig umgestalten werde, ist ein  Gedanke, der mir so in der Luft zu hängen scheint, dass ihm schwindeln müsste.

Eine eher persönliche Bemerkung sei hier noch angefügt. In den vielen Jahren, in denen ich, als berufliches Geschäft, Menschen beobachte, haben sich einige Gewissheiten eingestellt. Eine davon lässt sich so ausdrücken: Es ist geradezu merkwürdig, wie inkorrekt und tadelnswert sich viele Menschen benehmen, wenn sie in einer neuen und ungewohnten Situation auf ihr eigenes Urteil gestellt sind.

In einer berühmt gewordenen Studie über die Arbeitslosigkeit einer ganzen Gemeinde im Niederösterreich der 1930er Jahre, „Marienthal“, ergab sich ein bemerkenswertes Resultat. Ehen bzw. soziale Beziehungen, die schon vor der Krise der Arbeitslosigkeit brüchig und konfliktbeladen gewesen waren, gingen unter der Belastung mit erhöhter Wahrscheinlichkeit endgültig in die Brüche, jene Verbindungen, die sich vorher schon als stabil dargestellt hatten, festigten sich noch mehr. Was mag hier als allgemeinere Regel dahinter stehen?

Krisen sind Belastungssituationen in verschiedener Hinsicht, sie verlangen von den Menschen Nachdenken und Initiative, die über die gewohnten Abläufe hinausgehen, weil es ja gerade Kennzeichen einer Krise ist, dass die eingefahrenen Routinen des täglichen Lebens außer Kraft gesetzt werden. Viele Menschen sind dieser plötzlich auftretenden Anforderung nicht völlig gewachsen. Die in den letzten Tagen in den Medien immer wieder berichtete Tatsache, dass Menschen sich trotz aller Hinweise und Verbote in Gruppen zusammenfinden, Feste feiern etc., hat wahrscheinlich weniger damit zu tun, dass sie „den Ernst der Lage“ noch nicht erkannt haben als mit ihrer Unfähigkeit und ihrem mangelnden Willen, Ich-bezogenes Verhalten zu ändern; vermutlich hat die Krise bei ihnen eine vorher schon vorhandene Tendenz egozentrischer Orientierung nur verstärkt, oder, noch schwieriger zu beurteilen – vielleicht fallen sie nur deshalb auf, weil sie relativ wenige sind.

Auch die vielen berichteten Fälle von Hilfsbereitschaft und Solidarität könnten aus dieser Sicht verstanden werden. Wer vorher schon sozial orientiert und hilfsbereit war, sieht sich in der Krise nur noch mehr veranlasst, dieser Handlungsorientierung zu folgen. Eine Antwort, die gegenwärtig wohl nicht gerne gehört wird, die aber trotzdem mit ziemlicher Sicherheit zutreffen wird, bezieht sich auf die Stabilität dieses Verhaltens: Wenige Hinweise gibt es, die uns in der Aussicht bestärken können, dass dieses solidarische Verhalten im selben Ausmaß immer weiter gepflogen werden wird, sollte die Krise noch sehr lange dauern.

Wir sollten nicht alle Verhaltensweisen, die uns jetzt plötzlich auffallen, Abweichungen, auf die wir aufmerksam werden, einfach der Krise zuschreiben. Die menschliche Gesellschaft ist auf den ersten Blick ein riesiges Kaleidoskop an höchst unterschiedlichen Beziehungen und Verhaltensweisen unter den Menschen. Erst unsere Versuche, gedankliche Ordnung in diesen unendlichen Strom an Ereignissen zu bringen, die wir jeden Tag erleben, bringt uns dazu, Typen von Menschen und Handlungsweisen zu sehen. Dass Menschen im Falle, da das Altstoffsammelzentrum zum Schutz des Personals geschlossen bleibt, den Grünabfall aus ihren Gärten in Plastiksäcken einfach auf fremden Äckern deponieren, dass einer, dem ich mit meinem kleinen Hund begegne, und der seinen Pitbull frei laufen lässt, auf meine höfliche Frage, ob er ihn nicht anleinen möchte, mich unflätig beschimpft; dass Menschen im Supermarkt an der Kasse drängeln und mir mit dem Einkaufswagen in die Fersen fahren; dass es zwischen verschiedenen Beteiligten bei einem Biobauern zum Streit um die letzten Kartoffeln kommt, obwohl die Bäuerin versichert, sie habe noch genügend auf Lager; dass Menschen andere betrügen, übervorteilen und sich auf Kosten anderer bereichern (z. B. gegen Vorauszahlung im Internet angebotene Krisen-Hilfsmittel, die dann nicht geliefert werden); das hat alles mit der Krise so gut wie nichts zu tun. Es sind menschliche Verhaltensweisen, die wir seit jeher kennen. Was zu lernen wäre, ist die genaue und sorgfältige Beobachtung dessen, was sich unter Krisenbedingungen ändert, anstatt alles, was uns auffällt, der Krise zuzuschreiben. Die in der letzten Woche in den Zeitungen verbreitete Nachricht, dass von ExpertInnen die Gesundheit der Bevölkerung gegen den in Kauf zu nehmenden ökonomischen Schaden durch die Geschäftsschließungen aufgerechnet werde, und das Resultat bei manchen laute, lieber einige Infizierte mehr, dafür weniger Insolvenzen, ist keinesfalls ein Charakteristikum einer Krise – eine solche Gedankenwelt ist unabhängig von ihr vorhanden und sie ist die Voraussetzung dafür, dass Menschen in größter Not einander um ein Stück Brot erschlagen.

5. Vertrauen und Maßnahmen

In den letzten Jahren sind die Stimmen nicht müde geworden, die der Bevölkerung das Schwinden des Vertrauens in die Politik bestätigt haben. Es war schwer, des Eindrucks sich zu erwehren, dass das Volk von der Politik und die Politik vom Volk nicht viel hielten. Nun ist der seltsame Fall eingetreten, dass Politikerinnen und Politiker zunehmend in aller Öffentlichkeit konstatieren, die Bevölkerung habe sichtbar Vertrauen in die gegen die Krise gesetzten Maßnahmen und damit auch in die Regierung selbst (92 % der österreichischen Wahlberechtigten halten die gesetzten Maßnahmen für gerechtfertigt). Was ist da passiert, ist ein großer Bekehrungsversuch gelungen, oder wird wieder einmal eine Lage etwas schief eingeschätzt? Denn so ganz dürfte es mit dem Vertrauen ja auch nicht klappen, weshalb wären sonst Kontrolle im öffentlichen Raum und Strafandrohung bei Übertretung von Vorschriften nötig?

Zwei Dinge scheinen klar zu sein: Lenins Devise, „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“, gilt nicht universell. In der DDR war 1989 die Kontrolle durch die Stasi vollständig, aber das Vertrauen in die SED war verschwunden; zweitens gilt: Vertrauen muss erworben werden. Wenn eine Mutter einem Kind auf Ostern ein Skateboard verspricht, wenn es regelmäßig seine Hausaufgaben mache, das Skateboard aber dann ausbleibt, obwohl das Kind „brav“ war, wird die Mutter sehr schnell merken, dass sie Vertrauen verscherzt hat. Wenn wir aufmerksam die Interviews mit Regierungsmitgliedern und Entscheidungsbefugten im TV verfolgen, wird uns auffallen, dass erhebliches Misstrauen am Werke ist, nach dem Motto: Misstraut den Mächtigen, lasst euch von ihnen nicht einlullen, lasst ihre Ausflüchte und Allgemeinplätze nicht gelten (die kleine Clique der Tourismusmächtigen in Tirol, die Nachlässigkeit der Politik in den Brandgebieten der Krise etc. werden inquisitiert). Übrigens in meinen Augen zu Recht. Doch, weshalb das Misstrauen, wenn doch das Vertrauen da ist?

Wir stoßen hier auf einen komplizierten Sachverhalt, der aber umfassend gültig ist: Kontrolle ist nötig, Misstrauen ist nötig, aber eine menschliche Gesellschaft ohne Vertrauen gibt es nicht. Zu sehen ist, dass Vertrauen nicht unbedingt und nicht für immer gilt (ebenso wenig wie Solidarität), dass es erworben und wieder verloren wird, dass mit dem Sinken von Vertrauen, ein anderer Ausdruck für Misstrauen, der Bedarf nach Kontrolle steigt, und dass ein Zuviel an Kontrolle wiederum Misstrauen wachsen lässt. Figuren wie Orban, Netanjahu, Putin oder Erdogan erkaufen sich schrittweise ein Mehr an Macht durch ein Mehr an Kontrolle und verlieren dadurch (außer bei den des Denkens völlig ungewohnten Verehrern) Vertrauen, sodass der Bedarf an Kontrolle immer weiter steigt.

Umgelegt auf unsere Krisensituation muss also wohl angenommen werden, dass völliges und ungeschmälertes, wirklich schon lange währendes, ungetrübtes Vertrauen in die Politik nicht vorhanden ist, nie vorhanden war, was jene wohl weiß. Daraus entsteht die Notwendigkeit der Kontrolle, die man gar nicht will, die aber sein muss, weil es nicht anders geht (O-Ton aus der Regierung). Die Zustimmung des Volkes zu den Maßnahmen der Regierung mag ruhig als Vertrauen bezeichnet werden, doch sollte allen klar sein, dass das eine sehr fragile, zeitlich befristete Sache ist, die sich ändern kann, wenn die erhofften Erfolge sich nicht so bald einstellen sollten, die Belastungen noch größer werden, oder erhebliche Konflikte zwischen größeren Bevölkerungsgruppen provoziert werden sollten. Dass in Ländern Afrikas und Vorderasiens solche Prozesse schon im Gange sind, wird geflissentlich übersehen. In dieser Perspektive wird dann zu erfahren sein, dass die Mittel der Kontrolle, vor allem im Bereich der wirtschaftlichen und sozialen Schadensbegrenzung, auch im zwischenstaatlichen Verkehr, zunehmend versagen werden.

Es gibt kaum ein Wort, das mich in den letzten Tagen so ärgert wie „Maßnahmen“. Ganz gleich, ob schon gesetzt oder erst geplant, ob klar und deutlich als Handlungsanweisung oder verschwommen und neblig als Vorhaben gemeint, immer geht es um Maßnahmen. Selbst in den Erklärungen der Politik, ähnlich in Österreich und Deutschland formuliert, ist von Maßnahmen die Rede, obwohl selten jemand der Beteiligten genau sagen kann, was gemeint oder geplant ist. Weshalb dann immer dieses Wort, ganz gleich, ob die Polizei kontrolliert und abmahnt, eine Verordnung die Schließung von Restaurants bestimmt, oder die Regierung eine Verlautbarung beschließt?

Nach meinem Wissen stammt das Wort aus der staatlichen Verwaltung des 19. Jahrhunderts und bedeutet, dass etwas geschieht, das von einer Behörde, einem Amt, angewiesen und dadurch legitimiert worden ist. Maßnahme hat also mit Obrigkeit zu tun, die Legitimierung erfolgt durch Gesetze. Deshalb auch die wahre Flut an Gesetzen, die im Parlament in den letzten Wochen beschlossen worden sind (und die gerade wegen der Eile eine erkleckliche Zahl handwerklicher Fehler aufweisen, vgl. Gerhard Strejcek in „Der Standard“). Nun ist dieses Wort für die staatliche Verwaltung unentbehrlich, vielleicht hat man aber auch nur daran vergessen, nach einer Alternative zu suchen. Und wenn für die Verwaltung unentbehrlich, weshalb auch für die Politik?

Eine völlig beliebige Auswahl aus Sätzen (mündlichen Aussagen und textlichen Mitteilungen in den Medien) gibt uns ein Bild von Wortgemeinschaften. Fiskalische und wirtschaftspolitische Maßnahmen, gesundheitspolitische, nationale und internationale Maßnahmen, Förderungs- und Anstoßmaßnahmen etc. Sie sollen zeitnah, wirksam, angepasst (reversibel), negativ ausgedrückt: nicht ganz unwirksam, nicht völlig unpassend und nicht unumkehrbar sein, vielleicht auch nicht ganz ohne Ziel. Aber eben: Wie die Maßnahmen aussehen sollen, worin sie genau bestehen, wird nur teilweise gesagt, wie die Beispiele des Auffangens von Unternehmen, der Verwendung von Gesichtsmasken oder der Bewegung im Freien, generell eines Teils der sogenannte Hilfspakete bezeugen. Mir will es so scheinen, als sei Maßnahmen ein Bürokratenwort, das dort seine klare Funktion hat, in der Politik aber ein Allerweltswort. In den vergangenen Wochen entstand immer wieder der Eindruck, wer völlig unbeschwert von Maßnahmen sprach, wusste entweder noch nicht, was gewollt wurde, oder wusste es, wollte es aber nicht sagen, oder wusste es, hatte sich aber mit anderen Regierungsmitgliedern noch nicht geeinigt. Unverzagt werden in solchen Reden, zur Begründung der geplanten Maßnahmen, nackte Zahlen eingesetzt. Es hat sich noch nicht herumgesprochen, dass nackte empirische Resultate Leichen sind, die ihr Werden vergessen haben.

Es ist zwar schon Einiges über die möglicherweise aus der Krise erwachsenden Chancen für die Zukunft vermutet worden, ich hätte einen handfesten Vorschlag, von dem ich bisher noch nichts vernommen habe: Die Krise als Anlass zu nehmen, um der deutschen Sprache wieder jene Aufmerksamkeit zu widmen, die ihr zukommt.

6. Individualismus und Narzissmus

Für die gegenwärtige gesellschaftliche Situation, die nur vorübergehend von der Virus-Krise übermalt wird, passt ein Ausspruch von Karl Marx. Er hat mit Bezug auf gegebene Verhältnisse gesagt, es sei „eine allgemeine Beleuchtung, worin alle übrigen Farben getaucht sind und [die] sie in ihrer Besonderheit modifiziert“. Es geht also auch darum zu sehen, wie sich unsere heutige Beleuchtung hinter der Krise darstellt, unter der alles seine charakteristischen Töne annimmt. Die Beleuchtung spendet, beginnend mit den 1970er Jahren, dann zunehmend sich ausbreitend, die Lampe des Neoliberalismus, demzufolge offenbar alles, wofür es sich zu leben lohnt, zum Objekt aggressiver Aneignungsversuche werden muss. Eine famose ideologische Stütze für die neoliberalen Verhältnisse scheint der verbreitete Narzissmus zu sein, von dem Richard Sennett schon vor 40 Jahren sprach und der heute offenbar akzeptierte Gesellschaftsdiagnose ist. Wenn die Welt und alles Objektive in ihr schlecht ist, dann kann im Gegenzug nur etwas Anderes, buchstäblich Entgegengesetztes gut sein: das Subjektive – mit anderen Worten: das Ich und alles, was ihm nahesteht. Das ist eine psychische Disposition, die dem postulierten freien Individuum auf dem Markt, dem alles gleichgültig ist, nur es selbst nicht, ungemein entgegenkommt, und dem Konkurrenzverhalten alle hinderlichen Skrupel austreibt. Psychoanalytisch steht eine dem Ich gewidmete Größenphantasie hinter dem Narzissmus, in deren Folge alles, was andere tun oder betrifft, schlecht und verabscheuungswürdig wird, und gegen das vorgegangen werden muss. Gegen Rauchen, Alkohol, politische Inkorrektheit, Falschparken, Lärmerzeugung (und käme sie von kleinen Kindern), anderes (fremdes) Aussehen, Betreten meines Grundstücks, Behinderung meines Wollens, selbst, wenn die mir hinderliche Regelung im öffentlichen Interesse liegt (O-Ton eines Straßeninterviews: „Ich finde es eine Frechheit, dass ich nicht hinaus darf“). Besitzstörungsklagen überlasten mittlerweile die Gerichte in Österreich und für die Vertretung der Klagenden hat sich eine eigene Spezialistengruppe unter den Anwälten herausgebildet. Das hat wohl mit der Unduldsamkeit eines überzogenen Individualismus zu tun. Ein wesentliches Symptom des Narzissmus ist die Unfähigkeit zur Empathie. Statt einer Besitzstörungsklage hälfe oft ein Gespräch unter Erwachsenen, doch erwachsen sind die Beteiligten meist nicht, sie sind narzisstisch krank, deshalb müssen sie den anderen „niedermachen“. Menschen, die sich keine Gelegenheit für Nachsicht, Humor und Mitfühlen mehr geben, werden zu schutzlosen Opfern ihres Über-Ichs, das bekanntlich desto strenger bestraft, je mehr ihm gehorcht wird. Die Individuen kennen keine Gnade mehr, weder mit sich selbst, noch mit anderen. Sie können sich nicht, wie es bei Erwachsenen zu erwarten wäre, ein lockeres Verhältnis zu sich und der Welt gönnen. Solcher Humor ist ihnen fremd, sie verfolgen sich und andere unerbittlich und paranoid mit den Reinheits-, Gesundheits-, Korrektheits- und Sicherheitsgeboten dessen, was sie für ihre Vernunft halten. Wenn ein Mensch narzisstisch gestört ist, dann ist er auch nur mit sich selbst beschäftigt, um die Wunden zu lecken, die der Liebesmangel ihm geschlagen hat. Nicht umsonst wird in diesem entfremdeten Leben als zentral sinnvolles Heilmittel das Wiedererlernen von Empathie verlangt. Ein wenig hat dies auch mit dem in den letzten Tagen vehement vorgetragenen Verlangen nach Miteinander-Füreinander zu tun. Vollends zur Farce werden die Verhältnisse dort, wo die Politik auf die Signale der alarmierten Dringlichkeit, des sofortigen Handlungsbedarfs und der Krisendrohung aus der medialen Öffentlichkeit und den Lobbygruppierungen einschwenkt und mit permanenter Anlassgesetzgebung reagiert, der das Scheuklappensyndrom schon von weitem anzusehen ist. Zuweilen scheint es, als wäre die völlige Distanzlosigkeit des paranoiden Subjekts zu seinem wahrgenommenen Gegenstand deckungsgleich mit jener der Politik zu den Gesamtanforderungen. Wenn wir dieses Bild als mosaikhafte Zeitdiagnose verstehen wollen, ist auch klar, dass die Virus-Krise manches einfach nur verstärkt oder zeitweise überdeckt. Der narzisstisch eingefärbte Individualismus wird aus der Krise so wenig geläutert hervorgehen wie die FinanzspekulantInnen aus der Krise von 2008. Die gesamte öffentlich Diskussion über den gesellschaftlichen Zustand in der Krise atmet die seit langem wirksame Theoriefeindlichkeit: Abneigung gegen Vorstellungen, die man nicht kennt und die zu erfahren man ablehnt, aus Angst, durch diese Vorstellungen in der eigenen, satten Praxisgenügsamkeit erschüttert zu werden. Ich halte unverdrossen an einer alten (antiken) Einsicht fest: Das Zersetzende der Kritik ist unerheblich im Vergleich zu dem Schaden, den jene anrichten, die nicht auf Kritik hören.

Gerasdorf, am 28.4.2020

Anton Amann war Prof. für Soziologie und Sozialgerontologie am Institut für Soziologie von 1982-2006. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählten neben der Altersforschung und Soziologie der Sozialpolitik auch Globalisierung und Gegenwartskritik. Das letzte Buch: Leben, Teilhaben, Altwerden. Vermutungen und Gewissheiten. Springer 2019.

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