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Soziologisches Journal

Vergessen – Zu einem zentralen Topos sozialer Bewegungen in der Corona-Krise

Die Isolationsstrategie, mit welcher die allermeisten europäischen Gesellschaften dem Corona-Virus begegnen, hat nicht nur unsere privaten Verrichtungen von der Arbeit bis zur Haushaltsführung sowie auf höherer Stufenleiter die Volkswirtschaften, sondern auch das öffentliche Leben für eine gewisse Zeit zum Erliegen gebracht. Damit verschwinden aber nicht nur die Menschen von den Straßen, sondern auch ihre politischen Handlungen, die Öffentlichkeit überhaupt erst konstituieren. Von den Straßen und Plätzen der Protesthauptstadt Wien sind die Versammlungen und Demonstrationen verschwunden, die uns mit verlässlicher Regelmäßigkeit daran erinnerten, dass Ringstraße und Innenstadt nicht lediglich für den Verkehr bestimmt sind. Verschwunden sind für eine gewisse Zeit auch die Zeitungsverkäufer*innen in den Fußgänger*innenpassagen, die uns tagtäglich an die Ungleichheiten und Paradoxien der reichen westlichen Industrieländer erinnerten und nicht zuletzt verschwanden aus den Straßen auch diejenigen, die uns mit ihren Protesten an die Folgen der westlich dominierten Globalisierung  und dem damit einhergehenden Migrationsdruck erinnerten. Ein Kommentar von Philipp Knopp.

Die Isolationsmaßnahmen haben diese sozialen Bewegungen in ihren politischen Kernaktivitäten getroffen. Sie haben damit die gewohnt ungewohnten politisierenden Störungen aus unserem Alltagsleben verbannt, deren Momentum gerade dadurch entstand, dass sie für Perspektivenwechsel und alternative Lebensformen mit ihren Körpern im öffentlichen Raum sichtbar Position bezogen. Insofern diese Bewegungen auf die Zusammenkunft der marginalisierten Körper mitsamt ihren Stigmasymbolen und Verletzungen angewiesen sind, stellt die Isolation für sie eine existentielle Bedrohung dar: Sie könnten vergessen werden. Die politisch Verantwortlichen wenden sich anderen, scheinbar dringlicheren Angelegenheiten als sozialer Ungleichheit, Klimawandel oder Migration zu, gleichsam, um diese Problemlagen nochmals zu verschärfen. Denn wenn die Maßnahmen die komplexe Krise vereinfachen – die Menschen auf eine Universalie reduzieren – verkomplizieren sie die Krise dieser ‚Anderen‘. So ist es nicht verwunderlich, dass sich die aus dem Licht der öffentlichen Aufmerksamkeit Verdrängten andere und neue Wege suchen, um nicht vergessen zu werden.

 Die politischen Kampagnen sozialer Bewegungen greifen die Problematik aktuell verstärkt auf und ihre Diskurse zirkulieren um Topoi des Vergessens und Erinnerns: #leavenoonebehind erinnert an die Internierung von Geflüchteten in „Elendslagern“ auf den griechischen Inseln, Fridays for Future mahnt, dass die aufkommende Klimakrise das Ausmaß aktueller Einschränkungen nochmals übersteigen werde, und Recht auf Stadt-Bewegungen fordern, die von den Tourist*innen verwaisten Hotels nun für Wohnungslose zu öffnen. Keine dieser Forderungen verneint dabei die Notwendigkeit von Maßnahmen gegen das Corona-Virus. Sie thematisieren die Partikularität der neuen allgemeinen Regeln. Isolation funktioniert nicht in überfüllten Lagern, eine Straßenverkäuferin ist immer und nie im Homeoffice, und Corona-Krisenbewältigung darf nicht die Zukunft der künftigen Generationen aufs Spiel setzen. Die sozialen Bewegungen vermögen es mit diesen Fragen wieder die Komplexität der Krise einzuführen, die jeder Vereinheitlichung entgegenläuft und damit die Frage nach der Art und Weise politischen Entscheidens in Krisenzeiten aufwirft und die funktionellen Mängel des Handelns und Sprechens mit einer Stimme offenbart.

Um diese sozialen Problemfelder ins Gedächtnis zu rufen, sind die Bedingungen in der Corona-Krise denkbar schlecht – technisch formuliert: die politischen Gelegenheitsstrukturen sind eher verschlossen. Zwar konstituieren die heute geläufigen politischen Praktiken mit digitalen Plattformen eine Ersatzöffentlichkeit. Sie vermögen es aber kaum, die Momente physischer, politischer Zusammenkunft langfristig zu ersetzen. Die abrupte und erzwungene Emigration in den digitalen öffentlichen Raum mag zwar neue Zugangschancen bieten und andere Menschen erreichen, sie bleibt aber in der Praxis an die Darstellung von physischer Ko-Präsenz gebunden: Fridays for Future bezieht sich in Erinnerung an vergangene Proteste weiter auf sein zentrales materielles Symbol, das Protestschild, das im visuellen Zentrum der aktuellen #NetzstreiksfürsKlima-Kampagne steht und veranstaltet throwback-Aktionen, bei denen sich Videos und Fotografien vergangener kollektiver Ereignisse versammeln, um das Gefühl kollektiven politischen Streitens wieder in Erinnerung zu rufen. Ähnliche, wenn auch dramatischere Bezugnahmen sucht #leavenoonebehind mit Bildern von überfüllten griechischen Lagern zu vermitteln, gepaart mit Plakataktionen oder Versammlungen hunderter Personen in den Anstehschlangen vor Berliner Bäckereien. So rufen die Bewegungen auch mit subtilem Druck und kreativer Aneignung ihrer derzeitigen Rahmenbedingungen dazu auf, wieder eine politische Öffentlichkeit der Bevölkerung zu etablieren.

Die Corona-App und das Ende der Einheit – Für das Vergessen

Soziale Bewegungen arbeiten aber nicht nur gegen ihr Vergessen. Der digitale Zufluchtsort für Protest und Versammlung bringt nämlich neben einer zumindest ersatzweise akzeptablen politischen Handlungsfähigkeit auch seine eigenen Beschränkungen und Machtverhältnisse hervor. Diese manifestieren sich in Sichtbarkeitsasymmetrien. Neben der Problematik des Zugangs zu digitalen Infrastrukturen werden von sozialen Bewegungen aktuell vor allem die mit der Digitalität einhergehenden Kontroll- und Überwachungsaspekte thematisch. Digitale Überwachung steht in engem Zusammenhang mit Problematiken des Vergessens und der Begrenzung deliberativer Öffentlichkeit. Die nun schon länger existierende Debatte um das „Recht auf Vergessenwerden“ im Internet zeugt eindrücklich davon. Dabei steht im Kern auf dem Spiel, wie lange und für wen individuelle Daten im verfügbar sein dürfen und damit die Möglichkeit bieten, unsere Wahrnehmung einer Person möglicherweise stigmatisierend zu beeinflussen. Denn Aufzeichnung und Überwachung verlängert die Sichtbarkeit in meist nicht gänzlich bekannte Zeiträume, Orte und Verwendungen. Damit macht sie Menschen für Gesagtes und Getanes verantwortlich, ohne gleichzeitig den normativen Rahmen fixieren zu können, in dem die Beurteilung einer Handlung und die Verantwortlichkeitszuschreibung stattfindet.

In der Corona-Krise machen zu diesem Thema insbesondere Internetaktivist*innen von sich hören. Nicht nur das Aufdecken von Sicherheitslücken bei der populär gewordenen Software Zoom sowie die Bereitstellung datensicherer Alternativsoftware (jit.si, BigBlueButton), sondern auch ihr Aufbegehren gegen die sogenannte Corona-App setzten dem unhinterfragten Universalismus der Regierungsmaßnahmen in Österreich und Deutschland ein Ende. Mit dem Contra der Netzaktivist*innen verband sich in Österreich auch eine kleine Wiederauferstehung der parlamentarischen Opposition und damit ein Neuanfang des politischen Widerspruchs gegen die Sachzwanglogik der Katastrophe. Die Corona-App bildet dabei ein interessantes Ereignis, um den Aktivismus für das Vergessen zu beleuchten, denn die App sollte dazu dienen, das menschliche Vergessen zu umgehen, indem mit Ortung und wechselseitiger Geräterkennung alle sozialen Kontakte einer Person aufgezeichnet werden. Wieder geht es darum, physische Ko-Präsenz abzubilden. Diesmal ist die mediale Erinnerung aber im Gegensatz zum kollektivierenden Moment der throwbacks mit einem Dispositiv der Isolation und Vereinzelung verbunden, das soziale Beziehungen als Risiko betrachtet. Die App symbolisiert zugleich eine Verlängerung des Ausnahmezustands über den nur wenige Wochen aufrechtzuhaltenden Notstopp hinaus, indem sie die Seuchenbekämpfung an eine postmoderne Überwachung und selektive Regulierung von flows von Menschen und Waren anpasst und damit mit der möglichen Normalisierung von Grundrechtseingriffen schwanger geht. Die App materialisiert damit, dass wir die Corona-Krise möglicherweise nicht so schnell vergessen können.

Vergessen als Movens des Politischen

Die Bezüge aktueller Kampagnen und Proteste auf Fragen des Vergessens und Erinnerns mögen zunächst vor allem deutlich machen, dass Corona sich im Zusammenhang einer „multiplen Krise“ bewegt, die unterschiedliche Bevölkerungsgruppen ungleich betrifft. Sie verdeutlichen aber auch die Relevanz des Vergessens für das Politische. Vergessen bildet ein zentrales Movens des Politischen – nicht erst in der Corona-Krise. Denn auf der anderen Seite des Vergessens steht immer ein Neuanfang und es gehört, mit Hannah Arendt gesprochen, zu den genuinen Eigenschaften politischen Handelns, dass es „ständig neue Bezüge in ein schon bestehendes Bezugsgewebe schlägt; [das bedarf] der Verzeihung, des Vergebens und Vergessens, denn das menschliche Leben könnte gar nicht weitergehen, wenn Menschen sich nicht ständig gegenseitig von den Folgen dessen befreien würden, was sie getan haben, ohne zu wissen, was sie tun.“ Dies dient keineswegs der Legitimation partikulärer Regierungsweisen, sondern zielt darauf, demokratische Lebensformen zukunftsoffen zu konzipieren. Die Marginalisierung bestimmter Bevölkerungsgruppen kann vergessen gemacht werden, auf lange Sicht könnten wir den individuellen Automobilverkehr, Abschottung oder eine ‚Normalarbeitszeit‘ von 40+X Stunden  vergessen. Für und gegen das Vergessen handelt man, indem man neu anfängt. Die immer neue Antriebskraft und Motivation zum politischen Streit und dem Entdecken von Alternativen zum gegenwärtigen Zustand der geteilten Lebensform. Darüber hinaus bleiben die aktuellen Auseinandersetzungen für und gegen das Vergessen aufeinander bezogen, indem sie auf die Bedingungen des Politischen und die Beschaffenheit der öffentlichen Interaktion selbst zielen.

Relevant sind die sozialen Bewegungen und Proteste aber auch für die Soziologie – vielmehr noch: Wo der Nutzen der Soziologie – wie Zygmunt Bauman pointiert formulierte – darin besteht, das gesellschaftliche Geschehen zu kommentieren und mit alternativen Sicht- und Denkweisen zu konfrontieren, dort sind soziologische Irritation und politisierende Störung „epistemologische Komplizen“ (Heim 2017). Die sozialen Bewegungen und Proteste führen uns vor, dass die Krise nicht zu vereinheitlichen ist, sondern als enorme Komplexitätssteigerung auftritt. Darauf verweist bereits Antonio Gramsci in seinen Gefängnisheften. Die Krise lässt die Dinge unheimlich vielschichtig erscheinen, weil sie die gesellschaftlichen Beziehungen durcheinanderrüttelt, mit Routinen bricht und ihr Ausgang lange Zeit vollkommen ungewiss bleibt. Die in den Krisen oft gesuchte und selten gefundene Wahrheit über die Gesellschaft stellt sich dann als Vereinfachung dar. Und einfach ist in Krisensituationen nur das Wenigste. Ja, man könnte sogar meinen, das Vereinfachen sei Teil der Verkomplizierung des Lebens in der Krise. Denn wo der Umgang mit der Krise auf einen Nenner gebracht wird, dort entstehen Probleme für die, die nicht unter diesen Nenner passen. Dass uns dies sichtbar wird, ist wiederum nicht dem krisenbedingenden Bruch geschuldet, sondern dem Engagement der Vielen, die darauf aufmerksam machen, dass die Krise nicht universell ist, sondern partikulare Effekte zeitigt, dass sie aufbaut auf komplexen Problemlagen und mit anderen Krisen zusammenhängt. Daran kann die Soziologie anknüpfen, denn auch sie lebt von der Vieldeutigkeit des Sozialen, von der Gewissheit, dass die Zukunft ungewiss ist und die Dinge anders liegen könnten und dass diese Alternativen nicht vergessen werden dürfen, wenn man die Gegenwart betrachtet. Allem Anschein nach ist dieser Möglichkeitssinn im Moment gefordert wie sonst selten. Für eine demokratische Lebensform hingegen, ist er wohl gar „systemrelevant“.

Philipp Knopp ist Universitätsassistent und Doktorand am Institut für Soziologie. Er forscht über Polizei und soziale Bewegungen, u.a. im Forschungsprojekt „Digitale Infrastrukturen der Partizipation in Wien“ gemeinsam mit Peter Fikar, Tilo Grenz und Tereza Maletz.

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