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Die Corona-Krise und die Soziologie

Ungleichheitsvirus Neoliberalismus

Jule Gavrin schreibt, bezugnehmend auf Butler und Mbembe, über die strukturelle Ungleichmachung der Körper in der Pandemie; Christoph Butterwegge beruft sich im Gespräch mit der taz vor allem auf empirische Ergebnisse und Verteilungsfragen – das wahre Ungleichheitsvirus sei jedoch der Neoliberalismus. Dass dieser häufig missverstanden werde, auch im Kontext von aktuellen Forderungen nach mehr staatlicher Kontrolle im Umgang mit der Krise, meint Michael Hartmann.

Auch Michael Sandel problematisiert in einem längeren Interview die dem Neoliberalismus inhärente Leistungsideologie in den USA, ihre Konsequenzen für politische Entwicklungen sowie ihre negativen Implikationen für die Demokratie – die er gleichermaßen als Gemeinwohlorientierung als Alternative skizziert. Schließlich äußert sich Axel Honneth vorsichtig optimistisch zu möglichen demokratischen Potentialen der Krise.

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Die Corona-Krise und die Soziologie Soziologisches Journal

Zweifel, Gefährlichkeit und Risiko

Wenn sich die kritische Wissenschafts- und Technikforschung gegenwärtig daranmacht, das sich mit Corona auftuende Spannungsfeld von Gesellschaft und staatlicher sowie wissenschaftlicher Autorität auszuleuchten, ist indes fraglich, inwieweit sie an diese Paradigmen der vergangen Jahrzehnte anschließen kann. Der Grund: Die Akteure und Gegnerschaften der „Wahrheitskriege“ unserer Tage sind andere geworden. Der Zweifel an der offiziellen, wissenschaftlich beglaubigten Wahrheit, zuvor als Chance zur Demokratisierung der Demokratie begrüßt, scheint ihr heute zum Fallstrick zu werden.

Franz Seifert (2020)

Kritische Wissenschaft kultiviert den Zweifel – Verschwörungsideolog*innen tun dies aktuell auch. Über jene, daraus entstehende Spannungsfelder und Paradoxien schreibt der Sozialwissenschaftler Franz Seifert.

Außerdem möchten wir auf einen mittlerweile 30 Jahre alten, aber auch in diesen pandemischen Zeiten nicht minder aktuellen Text von Robert Castels zum Wandel und Charakter präventiver Strategien verweisen: „Von der Gefährlichkeit zum Risiko“.

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Die Corona-Krise und die Soziologie

Möglichkeitsräume

Eva Redecker spricht in der taz über aktuelle Protestbewegungen: diese zielen nicht mehr in erster Linie auf materielle Umverteilung oder Bürger*innenrechte ab, sondern verweisen grundlegend auf die „Kategorie des Lebens“. Philipp Tingler diskutiert hingegen in diesem Essay die Leiblichkeit sowie damit verknüpfte Endlichkeit unseres Seins, auf die uns die aktuelle Pandemie zurückwirft.

Schließlich wurde Amartya Sen vor Kurzem den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen – in der Sendung „Sein und Streit“ des Deutschlandfunks gibt er ein ausführliches (und optimistisches!) Interview zu seinem Capabilities-Ansatz, Identitätspolitik sowie die Bedeutung von Demokratie in der aktuellen Krise.

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Calls & Konferenzen Die Corona-Krise und die Soziologie

„Gesellschaft unter Spannung“, Freiheit, Solidarität

Angesichts des Umgangs mit den Geflüchteten des abgebrannten Lagers in Moria reflektiert Rahel Jaeggi in der ZEIT (u.a.) den Begriff der Solidarität, genauso wie das „beschränkte und falsche Verständnis“ von Freiheit im Kontext der Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen, Isolde Charim sieht darin die „Rückkehr der neoliberalen Botschaft in verkehrter Form“. Oliver Nachtwey hingegen diskutiert in einem ausführlichen Gespräch mit dem Jacobin, theoretisch eingebettet in Foucault, Boltanski und Beck, die Entstehung und Attraktivität von Verschwörungstheorien. Schließlich noch ein Beitrag des Deutschlandfunks mit einigen soziologischen Stimmen zur Deutungskämpfen und Zukunftsvorstellungen in und vor allem nach der Krise.

Außerdem: Aufzeichnungen einiger Sessions der DGS-Konferenz finden sich online auf Socio-Hub, daneben auch jene einer Sonderveranstaltung, die sich Analysen der Corona-Krise aus gesellschaftsdiagnostischer Perspektive gewidmet hat: mit Implusvorträgen sowie Diskussion von und mit Martina Löw, Andreas Reckwitz und Hartmut Rosa.

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Die Corona-Krise und die Soziologie

David Graeber: Bullshit Jobs & „die Wirtschaft“

Let’s perform a thought experiment. What if we conceived “the economy” not as a market but as the way we human beings take care of one another, by providing each other with material needs and the basis for satisfying, meaningful lives.

David Graeber (2020)

Am 2. September verstarb der Anthropologe und Aktivist David Graeber, Autor von Debt, Direct Action sowie Bullshit Jobs. Insbesondere der Lockdown und die daraus resultierende Debatte um die Anerkennung systemrelevanter Berufe verdeutlichte die Bedeutsamkeit seiner Theorien und Konzepte – so sprach er im Bayrischen Rundfunk Anfang April unter anderem über „Bullshit Jobs“ und Corona als System Changer; eine weitere Analyse des derzeitigen Kapitalismus im Kontext der Krise findet sich in Politico. Darüber hinaus hat auch die New York Review of Books einen seiner zuletzt publizierten Essays frei zugänglich gemacht: Against Economics.

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Die Corona-Krise und die Soziologie

„Witness and Respair“

Die Schriftstellerin Jesmyn Ward schreibt in einem sehr persönlichen Essay über individuelle wie kollektive Trauer im Kontext von Covid-19 sowie Black Lives Matter, Angela McRobbie diskutiert hingegen aktuelle Umgänge mit der Pandemie in Großbritannien sowie über die Grenzen hinaus:

In the last few weeks, nearly five months after my own experience of covid-19 pneumonia and subsequent hospitalisation, I have been asking friends and colleagues if they can explain why the news media, regardless of political persuasion, across newspapers and TV and indeed social media, is no longer paying attention to who is dying.

Angela McRobbie (2020)
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Die Corona-Krise und die Soziologie

#stayathome

Eva Illouz diskutiert das Konzept des zu Hauses in seiner historischen Entwicklung, seinem Verhältnis zur öffentlichen Sphäre sowie in seiner Bedeutung und Rolle im Zuge des Lockdowns; Stephan Lessenich hingegen reflektiert in diesem Radiobeitrag die Konjunktur, die der Begriff der Solidarität zu Beginn der Krise erfahren hat.

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Die Corona-Krise und die Soziologie

The Violence of Neglect

If Foucault thought there was a difference between taking another’s life and letting another die, we see that police violence works in tandem with health systems that let people die. It is systemic racism that links the two forms of power.

Judith Butler (2020)

Bezugnehmend auf vollzogene Lockerungsmaßnahmen während der Pandemie, die vor allem der Wirtschaft zugute kommen, reflektiert Judith Butler in diesem Gespräch mit Amia Srinivasan soziale Ungleichheiten, Nekropolitik sowie das von ihr dargelegte Konzept der (non)violence. Ein weiteres Interview hierzu findet sich in The Nation.

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Calls & Konferenzen Die Corona-Krise und die Soziologie

CfP: European Societies in the Time of the Corona Crisis

European Societies, as the flagship journal of the European Sociological Association (ESA), wishes to promote sociological debate and contribute insights on the current crisis by providing a fast-track review and online publication platform for short early research papers. “Early research” means that we are looking for papers with promising empirical research findings as well as theoretical discussions that help to understand the (potential) consequences of the current Corona crisis for European societies.

Beiträge können noch bis zum 31.7.2020 eingereicht werden, nähere Informationen finden Sie hier.

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Die Corona-Krise und die Soziologie

„reality checks“ und Politik post-Covid 19

Denn die neue Normalität gab es schon vorher, aber wir erkennen sie erst jetzt.

Ivan Krastev (2020)

Carolin Amlinger sowie Nicola Gess schreiben zur Corona-Krise zwischen „reality check“ und „reality negation“, dem damit verbundenen Erstarken von verschwörungstheoretischen Erklärungsmustern sowie den Herausforderungen von kritischen Theorien – und nehmen dabei teilweise auch Bezug auf Agambens kontrovers diskutierten Text „The state of exception provoked by an unmotivated emergency“.

Die Politikwissenschaftler Mark Leonard sowie Ivan Krastev hingegen befassen sich empirisch mit der Frage, wie sich die Epidemie tatsächlich auf Nationalismus, Euroskeptizismus sowie dem Vertrauen gegenüber dem Staat sowie Expert*innenwissen ausgewirkt hat, darüber hinaus spricht Krastev in der Wiener Zeitung ausführlich zu jenen politischen Konsequenzen der Krise und der „neuen Normalität“. In der NZZ, diesmal aus philosophischer Perspektive, diskutiert Thomas Sören Hoffmann die Krise der Staatlichkeit mit Rekurs auf Hegel.