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Die Corona-Krise und die Soziologie Soziologisches Journal

Zweifel, Gefährlichkeit und Risiko

Wenn sich die kritische Wissenschafts- und Technikforschung gegenwärtig daranmacht, das sich mit Corona auftuende Spannungsfeld von Gesellschaft und staatlicher sowie wissenschaftlicher Autorität auszuleuchten, ist indes fraglich, inwieweit sie an diese Paradigmen der vergangen Jahrzehnte anschließen kann. Der Grund: Die Akteure und Gegnerschaften der „Wahrheitskriege“ unserer Tage sind andere geworden. Der Zweifel an der offiziellen, wissenschaftlich beglaubigten Wahrheit, zuvor als Chance zur Demokratisierung der Demokratie begrüßt, scheint ihr heute zum Fallstrick zu werden.

Franz Seifert (2020)

Kritische Wissenschaft kultiviert den Zweifel – Verschwörungsideolog*innen tun dies aktuell auch. Über jene, daraus entstehende Spannungsfelder und Paradoxien schreibt der Sozialwissenschaftler Franz Seifert.

Außerdem möchten wir auf einen mittlerweile 30 Jahre alten, aber auch in diesen pandemischen Zeiten nicht minder aktuellen Text von Robert Castels zum Wandel und Charakter präventiver Strategien verweisen: „Von der Gefährlichkeit zum Risiko“.

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Denken in Zeiten der Krise

Der Weg vom Wissen über das Planen
zum Tun ist intergalaktisch weit

1. Von den Mängeln des Wissens

Niemand, der sich um redliches Nachdenken bemüht, wird gegenwärtig eine Voraussage darüber treffen, wie die Zukunft der Weltwirtschaft, der Beziehungen zwischen den Staaten, der Lebensbedingungen der breiten Massen beschaffen sein werden. Das hängt nicht ursächlich mit der inzwischen so genannten Corona-Krise zusammen, sondern damit, dass unser Wissen über die Welt und über uns selbst prinzipiell und immer irrtumsanfällig ist und sein wird. Die Krise macht uns diese Schwäche nur deutlich und schmerzhaft bewusst. Sie macht aber auch andere Facetten gesellschaftlichen Lebens nachdrücklich sichtbar, über die unsere Wahrnehmung und unser Bewusstsein sich unter „normalen“ Verhältnissen gerne hinwegschwindeln. Zu ihnen zählen so wesentliche Tatsachen wie: Sozial und ökonomisch Benachteiligte (in Österreich viele Ältere, Alleinerziehende, Kinder in Armut, AsylantInnen etc.) sind in Krisenlagen besonders gefährdet, in allen Beziehungen zwischen Menschen, selbst in jenen zwischen ExpertInnen der Virenforschung, geht es um Macht und Machtkämpfe, die Prinzipien des Systems, das wir das demokratische nennen, stehen immer auf dem Spiel. Deshalb ist es gut, dass gegenwärtig viele aus ihrem Dämmer aufgerüttelt werden, das ihnen Demokratie als etwas Selbstverständliches vorgegaukelt hat, in das keine Anstrengung investiert werden muss. Ein Essay von Anton Amann.

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Vergessen – Zu einem zentralen Topos sozialer Bewegungen in der Corona-Krise

Die Isolationsstrategie, mit welcher die allermeisten europäischen Gesellschaften dem Corona-Virus begegnen, hat nicht nur unsere privaten Verrichtungen von der Arbeit bis zur Haushaltsführung sowie auf höherer Stufenleiter die Volkswirtschaften, sondern auch das öffentliche Leben für eine gewisse Zeit zum Erliegen gebracht. Damit verschwinden aber nicht nur die Menschen von den Straßen, sondern auch ihre politischen Handlungen, die Öffentlichkeit überhaupt erst konstituieren. Von den Straßen und Plätzen der Protesthauptstadt Wien sind die Versammlungen und Demonstrationen verschwunden, die uns mit verlässlicher Regelmäßigkeit daran erinnerten, dass Ringstraße und Innenstadt nicht lediglich für den Verkehr bestimmt sind. Verschwunden sind für eine gewisse Zeit auch die Zeitungsverkäufer*innen in den Fußgänger*innenpassagen, die uns tagtäglich an die Ungleichheiten und Paradoxien der reichen westlichen Industrieländer erinnerten und nicht zuletzt verschwanden aus den Straßen auch diejenigen, die uns mit ihren Protesten an die Folgen der westlich dominierten Globalisierung  und dem damit einhergehenden Migrationsdruck erinnerten. Ein Kommentar von Philipp Knopp.

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Die „Corona-Krise“ als Brennglas für regionale Disparitäten und soziale Spannungen

Dass die „Corona-Krise“ nicht nur eine Gesundheitskrise, sondern auch eine Wirtschafts-, Sozial und Politikkrise ist, stellte sich sehr bald heraus. Die Auswirkungen treffen Länder, Regionen und Menschen nicht gleichförmig. Eine zunächst wenig beachtete Gruppe in diesem Diskurs sind Beschäftigte des sekundären Sektors. Die folgende kleine ethnografische Skizze verweist auf die besondere Problematik in alt-industriellen Regionen und den darin lebenden Menschen, die nicht erst seit der Corona-Krise gesellschaftlich zunehmend an den Rand gedrängt werden. Ein Beitrag von Elisabeth Donat.

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„Die Alten“ und die Corona-Krise

Die aktuelle Corona-Krise hat auch aus alterssoziologischer Sicht sehr vielfältige und problematische Implikationen. Dies nicht nur deshalb, weil alte Menschen auf besondere Weise durch Corona und damit assoziierte gesellschaftliche und politische Maßnahmen betroffen sind – etwa weil sie zu einer besonders vulnerablen und deshalb durch das Virus besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppe gehören, weil die gegen die Pandemie ergriffenen Maßnahmen gravierende Auswirkungen auf die Strukturen der Altenpflege und -betreuung haben (z.B. wenn 24-Stunden-Betreuer/innen aus dem Ausland nicht einreisen können) oder weil die Ausgangsbeschränkungen gerade für „Risikogruppen“ wie Alte, aber auch chronisch Kranke oder Menschen mit Behinderung, sozial extrem isolierende Effekte entfalten und entsprechend schwerwiegende Auswirkungen auf deren Lebensqualität haben (siehe in dem Zusammenhang z.B. die aktuelle Petition der „Plattform behinderter, chronisch kranker und alter Menschen). All das sind altersspezifische Begleitumstände der aktuellen Krise, die ohne Zweifel nach alterssoziologischer Aufmerksamkeit verlangen. Im vorliegenden Kommentar geht es jedoch weniger um solche Auswirkungen der Corona-Krise im und auf das Leben und den Alltag älterer Menschen, sondern primär um Implikationen auf der Ebene des gesellschaftlichen Altersdiskurses und im Hinblick auf den sozialen Status von und die gesellschaftliche Sicht auf alte Menschen. Denn auch in dieser Hinsicht gibt es eine Reihe von zum Teil sehr widersprüchlichen und besorgniserregenden Entwicklungen und Tendenzen im Zusammenhang mit der Corona-Krise. Ein Kommentar von Andreas Stückler.

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Nachhaltige Arbeit? Gerade wegen der Covid 19 Pandemie!

Auch wenn die Pandemie und der Shutdown noch nicht zu Ende sind, ist es jetzt schon an der Zeit, über die Zukunft einer nachhaltigen Arbeitsgesellschaft nachzudenken. Dies gebietet der Klimawandel ebenso wie die Digitalisierung und die wachsende soziale Ungleichheit. Ein Aufschieben anstehender Debatten können wir uns nicht mehr lange leisten. Ein Kommentar von Beate Littig.

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Berauschet euch!

„Man muss immer trunken sein. Das ist alles: die einzige Lösung. Um nicht das furchtbare Joch der Zeit zu fühlen, das eure Schultern zerbricht und euch zur Erde beugt, müsst ihr euch berauschen, zügellos. Doch womit? Mit Wein, mit Poesie oder mit Tugend, womit ihr wollt. Aber berauschet euch.“

Charles Baudelaire (1864)

Die wunderbare Aufforderung Baudelaires – hier vorgetragen von Serge Reggiani.

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Überwachung ist gesund!

Leser und Leserinnen dieses Essays sind zu einem Fehlersuchspiel eingeladen: Versuchen Sie die Abweichungen von der Realität zu erkennen! Sie werden sehen, dass die Unterscheidung zwischen Realität und Dystopie gar nicht so einfach ist.

„Sehr geehrte Damen und Herren, ich begrüße Sie zu diesem Arbeitstreffen, das wir heute mit einem neuen Ritual beginnen. Wie Sie wissen, ist die Anmeldung bei der COVID-19-App Voraussetzung für die Teilnahme an diesem Meeting. Ich bitte Sie nun um den entsprechenden „Handshake“. Ich muss Sie gleichzeitig darauf aufmerksam machen, dass Sie zu einer sofortigen Meldung verpflichtet sind, sollten Sie während unserer Sitzung eine Gesundheitswarnung erhalten. In diesem Fall wird die Sitzung abgebrochen“.

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Totale soziale Phänomene

In diesen (wie wir sie nennen möchten) »totalen« gesellschaftlichen Phänomenen kommen alle Arten von Institutionen gleichzeitig und mit einem Schlag zum Ausdruck: religiöse, rechtliche und moralische – sie betreffen Politik und Familie zugleich; ökonomische – diese setzen besondere Formen der Produktion und Konsumtion oder vielmehr der Leistung und Verteilung voraus; ganz zu schweigen von den ästhetischen Phänomenen, in welche jene Tatsachen münden, und den morphologischen Phänomenen, die sich in diesen Institutionen offenbaren.

Marcel Mauss (1968: 17)